| Gesellschaft
& Soziales Die brasilianische Gesellschaft ist ein sehr vielfältiger Komplex
unterschiedlicher sozialer, ethnischer, kultureller, religiöser,
regionaler und politischer Gruppen. Sie umfasst sowohl die gebildetere
Oberschicht der Metropolen, als auch die Ureinwohner, kleinbürgerliche
Einwandererkolonien in Südbrasilien, die traditionellen ländlichen
Großgrundbesitzer, die von afrikanischen Verhaltensweisen geprägte
Bevölkerung von Bahia, arme Landarbeiter, die moderne Unternehmer-
und Arbeiterschaft von São Paulo und die am Rande der Gesellschaft
lebenden Favelabewohner.
Brasilien ist ein typisches Schwellenland mit einem hohen Grad
an Industrialisierung und einem breiten Angebot an Gütern. Doch
maximal ein Drittel der Gesamtbevölkerung nimmt am Wirtschaftskreislauf
teil, die Mehrheit ist in der Schattenwirtschaft tätig oder lebt
am Rande des Existenzminimums in bitterer Armut. Das Existenzminimum
wurde von Präsident J. Vargas in den 60er Jahren festgelegt und
hat sich seitdem nur geringfügig erhöht. Es beträgt heute ca. 280
R$. Nach Jahrzehnten der Wirtschaftskrisen klafft die Einkommensschere
weit auseinander. Die Einkommenssituation zwingt die meisten Brasilianer,
nach einem Zusatzverdienst zu suchen. Viele Kinder aus ärmeren Schichten
beginnen bereits mit zehn Jahren zu arbeiten.
Der Ursprung der sozialen Extreme stammt aus der Kolonialzeit und
ist in der Lebensform der Fazendas, der auf Sklavenarbeit aufgebauten
Landgüter zu suchen. Noch heute beeinflusst dieses Feudalsystem
die Gesellschaft sowie das politische und soziale Verhalten in Brasilien.
Es gibt zwei Brasilien, die Seite an Seite existieren: das eine
ein Land von riesigem Potential, unbegrenzten Möglichkeiten und
unvorstellbaren Reichtum, das andere hingegen ein Land des Mangels,
des menschlichen Elends und der Verzweiflung.
| Favelas |
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Die Elendsviertel "Favelas" gibt es
vorwiegend in großen Städten, die für viele
ein attraktiver Anziehungspunkt sind, auf der Suche nach einer
gut bezahlten Arbeit oder einer Festanstellung. Die "Favelados"
sind zum größten Teil Opfer der im Nordeste vorherrschenden
Trockenheit oder von den Fazendeiros und den großen landwirtschaftlichen
Konzernen vertriebene Bauern. Sie schlagen sich bis zu den
Außenbezirken der Metropolen durch und errichten dort notdürftige
Behausungen. Die "besseren" Favelas haben gemauerte
Häuser.
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Als fester Bestandteil des brasilianischen Lebens hat die Favela
leider etwas Banales, Alltägliches angenommen, was die Bedeutung
dieses sozialen Missstandes zu verharmlosen droht. Das Problem der
Favelas bleibt unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen
jedoch praktisch unlösbar, da sie schneller wachsen als sie zerstört
werden. Eine Favela ist zunächst illegal besetztes Land. Es existieren
keinerlei Besitzansprüche, und nicht selten kommt es vor, dass die
ganze Favela mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht werden. Nur
ganz wenige Favelas haben den Wandel zum sauberen Unterklasseviertel
geschafft, die meisten werden sich wohl nie ändern. In den Favelas
wohnen die Putzfrauen und Fabrikarbeiterinnen, die Hausmeister und
Taxifahrer - Menschen, die hart ums Überleben kämpfen müssen.
Trotz des gemeinhin schlechten Rufes haben Favelas ein dichtes sozialen
Netz, das sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten anpasst. In
manchen Favelas kämpfen die Bewohner gemeinsam um fließendes Wasser,
Kanalisation und Elektrizität. Die Solidaritätsbekundungen unter
den Bewohnern sind zahlreich. Ein alter Mensch fühlt sich dort niemals
einsam, und einer kranken Mutter nimmt man die Kinder ab. Die Favelas
sind Welten für sich mit eigenen Gesetzen und Regeln.
Familie
In Brasilien nimmt die Familie noch einen hohen Stellenwert ein,
wobei traditionelle Strukturen langsam zu bröckeln anfangen. Die
überlegene Stellung des Mannes über die Frau weicht in den Familien
allmählich der Gleichberechtigung der Geschlechter. Immer mehr Frauen
sind berufstätig. Pflegebedürftige Familienmitglieder leben bei
ihren Kindern. Es gilt als Schande, sie ins Altersheim zu schicken.
"Onde come um, comem dez" - "Reicht das Essen für einen, reicht
es auch für zehn" heißt eines der ältesten brasilianischen
Sprichwörter. Dass Töchter und Söhne bis zur Hochzeit bei ihren
Eltern leben ist normal. Auch dann, wenn die Kinder längst ausgezogen
sind, ist es nicht ungewöhnlich, dass man vor allem in Kleinstädten
bei den Eltern regelmäßig zu Mittag ist. Den Sonntag verbringt man
sowieso gemeinsam. Das Elternhaus bleibt bis zuletzt schützender
Hafen, ein Ort der Kontinuität und der Sicherheit. Geraten die Eltern
in Not, versuchen die Kinder natürlich nach bester Kraft zu helfen.
In gutbürgerlichen Familien ist es normal, sich für den guten Ruf
eine Hausangestellte "Empregada" zu engagieren, die sich 6 Tage/Woche
um den Haushalt kümmert. Sie sind i.d.R. lange angestellt und zählen
halb zur Familie, auch wenn sie nicht im selben Zimmer und zur selben
Zeit essen wie ihre Arbeitgeber.
In den Armenvierteln sind Familien im herkömmlichen Sinne eine
Seltenheit. Fast überall müssen sich Mütter allein durchschlagen.
Hinzu kommt, dass sehr junge Menschen aus Unwissenheit zu Eltern
werden. Auch wenn Väter gerne zu Frau und Kindern stünden, büßen
sie ihre Legitimation als Familienvorstand ein, da sie kaum in der
Lage sind, die Familie zu ernähren. Die traditionelle Rollenverteilung
gerät ins Wanken.
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